Mittwoch, Juni 24, 2009

Tonnes Tabellen

Häufige Namen für Seniorenheime

1. Goldener Herbst
2. Residenz am Park
3. Residenz am See
4. Mariannen-Stift
5. Haus Schönblick

Seltene Namen für Seniorenheime

1. Roter Oktober
2. Residenz am Abgrund
3. Mariannen-Graben
4. Zum letzten Gefecht
5. Zur Pforte

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Samstag, Januar 26, 2008

Weltkrieg der Schnellgerichte

Mittwoch, Januar 10, 2007

Die Geschichte mit dem Hund, nicht die mit den Huren.

August 1988.
Es ist der schönste Sommer meiner Kindheit, und es ist sicherlich der letzte. Mit fünfzehn ist man kein Kind nicht mehr, so hätte es mein Großvater gesagt, der die meiste Zeit in seinem Schrebergarten verbrachte und eigentlich nur vor meiner Großmutter flüchtete. Einige Monate später sollte er zusammenbrechen und nicht wieder aufwachen, „bei den Huren war er“, so jedenfalls hatte ich das Flüstern meiner Oma verstanden, die mit meiner Mutter im Arm den Beerdigungszug anführte und wie ein Lagebesprechender Admiral die Kondolenzen entgegennahm. Aber diese Geschichte werde ich mit Sicherheit nicht erzählen.

Tatjana lächelt wie das Mädchen in der Valensinawerbung, trägt knallbunte Fruit of the loom-Sweatshirts und riecht nach 8 x 4. Sie mag keine Kaugummis und liest in der Pause Bücher, hat noch niemals geraucht und wird niemals einen Jungen küssen, das sagt sie zumindest, wenn ihre Freundinnen kichernd wissen wollen, ob sie „es“ schon getan habe. Ich wünsche mir sehnlichst, dass sie damit nicht Recht behält. Nein, ich wünsche mir, dass ich es sein werde, der den Bann bricht.
Sie wohnt drei Straßen weiter, und manchmal, meistens donnerstags, gehen wir ein Stück gemeinsam zur Bushaltestelle.

Heute darf ich ihre Tasche tragen. Ja, ich weiß, es ist nur eine Tasche, und aus der nötigen Entfernung betrachtet, zeitlich oder räumlich, sehe ich auch nur aus wie ein verliebter Depp, der neben seinem Schwarm hertrottet und mit Dackelblick alles wunderbar findet, was sie sagt, tut oder denkt. Sie erzählt mir, dass sie gestern vier Stunden Hausaufgaben gemacht hat – ich finde das wunderbar. Zum Abendbrot gab es Graubrot mit Streichkäse – absolut grandios. Beim Denver-Clan hat sich Krystle in den Finger geschnitten – einfach unglaublich. Wenn sie erzählt, funkeln ihre Augen, das weiß ich, auch wenn sie mich ganz selten anschaut.
Und jetzt kommt die Geschichte mit dem Hund.

Plötzlich steht er neben uns, laut knurrend und in angespannter Haltung, sprungbereit, bedrohlich, furchterregend. Tatjana greift nach meiner Hand! Trotz aller Angst fühle ich mich für zwei Sekunden großartig, sie ist warm, ein bisschen feucht, sie drückt immer fester und zieht mich zur Seite. Ich bin der Mann! Ich muss uns jetzt retten! „Lauf, Tati“
Wir rennen gemeinsam los, ich kann natürlich schneller, aber ich lass mich von ihr hinterher ziehen, ich will sie ja beschützen. Der Monsterhund denkt gar nicht daran, uns zu folgen, er schnüffelt an einem Busch und hebt das Bein, das kann ich sehen, aber sicher ist sicher. Ein paar Ecken weiter bleiben wir japsend stehen, Tatjana lehnt sich an die Hauswand und geht in die Knie. „Meine Tasche!“

Verdammt.

Irgendwo zwischen Steinstrasse und Hauptstrasse finden wir ihren Ranzen, Hefte, Bücher, Stifte, alles verstreut. Wir klauben zusammen, was wir finden, und Tatjana weint vor Wut und Erleichterung.
Später, im Bus, wir sitzen – endlich einmal – in einer Reihe, kramt sie in ihrem Mäppchen, sortiert Stifte und Spitzer.
„Mein Radiergummi fehlt.“
Ich schaue sie mitleidig an, gerne würde ich ihr meine Hand auf die Schulter legen, aber ich getraue mich nicht, wortlos schließt sie ihren Ranzen und schaut aus dem Fenster.
„Ich kauf dir einen neuen, versprochen.“
Sie schüttelt den Kopf.
„Wir gehen nachher noch mal suchen.“
Sie schüttelt den Kopf.
„Ich gebe dir meinen.“
Sie schüttelt den Kopf.
Die ganze Fahrt blickt sie aus dem Fenster, und dann, kurz vor der Schule, da gibt sie mir einen Schubs.
„Treffen wir uns in der großen Pause?“
Hüpf ich oder ist es nur mein Herz?

Wir trinken Kakao, Cola mag sie nicht.
Als sie ihrer Freundin erzählt, dass ich den Hund verjagt habe, glühe ich vor Stolz.

Ihren Radiergummi, den „Ratzefummel“, vermisst sie noch immer, es war ein besonderer, sagt sie, ein Garfield-Rubber , ein Geschenk von ihrem Onkel, den mochte sie alleine schon deswegen so sehr. Aber ich schaue eigentlich nur noch auf ihr Lächeln und wünsche mir, dass sie noch vielen Freundinnen von meinen Heldentaten berichtet. Ich glaube ihre Geschichte mittlerweile selbst, so schön erzählt sie sie. In Biologie sitzen wir zusammen, jetzt duftet sie nach Kakao.
Die Metamorphosen dort vorne interessieren mich gerade nicht, ich mache ja selbst eine durch, auch wenn ich es nicht so formulieren könnte.
Sie malt kleine Blümchen in mein Aufgabenbuch und ich fürchte mich davor, dass sie mein Herz pochen hört.

Nach der Schule gehen wir ins „Rialto“.
Sie lässt sich von mir einladen, aber nur, wenn sie morgen bezahlen darf. Morgen. Wir haben ein gemeinsames „Morgen“. Das klingt so wunderbar, dass es fast ein bisschen weh tut.
„Ich muss nach Hause“, sagt sie, ist es wirklich schon vier Uhr?
Wenn sie mich küsst, dann sterbe ich, und wenn sie es nicht tut, dann erst recht. Oder muss ich das machen? Verlegen stehe ich neben ihr, „komm“, lacht sie, „gehen wir noch ein Stück zusammen.“ Meine Hände vergrabe ich tief in meinen Hosentaschen.
„Bis morgen“, sie hat es plötzlich eilig, wir stehen vor dem Haus, in dem sie wohnt und sie knufft mich in die Seite.

Noch Stunden später spüre ich den Knuff, ganz warm und wohlig, sitze an meinem Schreibtisch, kritzele „I love Tati“ auf mein Physikheft und starre auf den Garfield-Rubber neben der Lampe.
Sie wird es hoffentlich verstehen.

Samstag, Januar 06, 2007

Elfeinhalb Wochen - Letzter Teil: Schreibrechtfehler

In Hamburg.

Sie schlendert, eine ganze Woche. Durch die Milchstraße, die ihr aber nur wegen des Namens gefällt. Planten un blomen. Binnenalster. War dort nicht sein Lieblingsgelatibüdchen?

Wenn sie daran denkt, dass er oft solche Wortgebilde kreiert, muss sie lachen. Manchmal weiß sie gar nicht mehr, ob es erfundene Wörter sind oder Versprecher, aber er kann überzeugend argumentieren, dass Schreibrechtfehler richtiger ist als Rechtschreib. Wer schlechte Bücher schreibt verstößt gegen das Schreibrecht und begeht einen Schreibrechtfehler, „darum schreibe ich ja auch kein Buch“ sagte er mal und grinste.

Sie beobachtet zwei Frauen, die Arm in Arm den Gänsemarkt entlang flanieren, „heute zeige ich dir das Roa Tan, Liebste“, was um alles in der Welt mag das sein?
Zum Bahnhof ist es nicht sehr weit, und keine halbe Stunde später sitzt sie im Zug Richtung „ihm“.

*

Das Telefon, mitten in der Nacht, mittags. „Blödmann hier“, sagt sie, „mir fehlt dein kümmerliches Pflaumenmusherz.“ Ich kämme mich sogar für sie.
Sie tritt nicht auf, sie kommt herein, und ich weiß sofort, warum ich sie liebe.

*

Nach dieser Nacht, im Mauerpark, nach stundenlangen Erzählen und noch längerem angstvollen Schweigen, nach 13 Sternschnuppen und immer dem gleichen Wunsch, da hat sie das Gefühl, jetzt, jetzt, jetzt ist er so weit.
Aber er fragt nicht.

*

Ich werde sie ganz bestimmt nicht mehr fragen, zumindest nicht in der nächsten Zeit, die nächsten Wochen, heute noch und vielleicht morgen könnte ich es schaffen, es nicht zu tun.
Da bin ich eisern.

Sie ist noch immer im Bad und ich kritzele eine Liste mit Dingen, die passieren werden. 1. In einer schwachen Stunde beichten, dass ich keine Lieblingssommersprosse an ihr habe. Wenn sie dann enttäuscht schaut zeige ich ihr die drei Million Stück, die sich den ersten Platz teilen. 2. Jeans: Endlich sehen, was sie von Stella gelernt hat, 3. Urlaubsankündigung, im Taxi über die Route 66, und mitten in ihr Entsetzen hinein sagen, Quatsch, natürlich 4. Bali. Den Rest des Geldes für 5. die ersehnte Jahreskarte, auch wenn es dort keine Feuerländer und Eskimos mehr gibt, die man bestaunen kann. 6. Ihr erklären, was rutzikal ist und 7. ein Quitscheentchen in den Briefkasten quetschen und sich darüber freuen, wenn die Nachbarin einen Mordsschreck bekommt, wenn sie darin stöbert. 8. Fragen, ob sie glücklich ist.

Zwei Wochen war sie fort, zwei von elfeinhalb, irgendwann hat sie mir was vorgelesen, wo etwas vorkam mit „und wenn du kommst dann geh nie wieder“, bitte, das wäre schön, ich werde auch immer etwas Pflaumenmus im Hause haben und ganz, ganz selten fragen, was die anderen nicht interessiert hat.

Vielleicht geht das auch ohne Schnuppe.

Freitag, Januar 05, 2007

Elfeinhalb Wochen - Teil Vier: Bocksbeutel und Böckser

Es regnet. „Wenn ich jetzt weiter rede, wiederhole ich mich nur, ich vermiss dich so, das hast du jetzt gehört“ singt Ulla Meineke, warum um alles in der Welt muss sie das jetzt singen? Ich war gerade bei Masha, das hättest du bestimmt gewusst, wenn du jetzt hier gewesen wärest, aber du bist ja nicht hier, du bist irgendwo. Irgendwo. Wir wollten mal nach Lissabon, weißt du noch? Ob du jetzt dort bist? Wirst du dort einen smarten Irgendwen kennen lernen und seinem Fast-Food-Charme erliegen? Und wirst du dann zurückkommen? Wird der dir gut tun oder wird er dich verderben? Und was davon wünsche ich dir eigentlich? Und mir?

„Irgendwann“ sagt Jan und putzt seine Hornbrille, „irgendwann habe ich das alles satt und werde meinen Laden eröffnen.“ Er schaut wehmütig aus dem Abteilfenster und beobachtet ihr Spiegelbild. Sie fragt nicht. „Dinkeltiere“, sagt er bedeutungsschwanger und ärgert sich ein wenig, daß sie nicht einmal Begeisterung andeutet. Sie weint. Eben noch hat sie ein bisschen mit ihm geplaudert, und jetzt ist sie schon kompliziert. „Auch ein Kaffee?“ Er hat nun mal gute Ideen, findet er und ist enttäuscht, dass sie ihn nicht einmal mehr anlächelt, so wie vorhin, da war sie eine angenehme Reisebekanntschaft, eine charmante, immerfröhlich wirkende Lebenslustige. Er täuscht sich selten in Frauen, da ist er sich sicher, nun gut, sie ist so eine.

Sie interessiert sich nicht die Bohne für Dinkeltiere. Sie interessiert sich nicht für diesen Typen, der noch immer mit enttäuscht hängenden Mundwinkeln in seinem Sitz lungert, seinen ausgeleierten Strickpulli zwischen den Händen knetet und sie verstohlen betrachtet. Lass mich heulen, Mann lass mich einfach in Ruhe und erzähl mir nicht, was du in deinem bescheuerten Leben ändern willst und warum. Es wird immer bescheuert bleiben, soviel ist sicher.
Sie schaut aus dem Fenster und wünscht sich einen interessanten Bahnhof zum aussteigen, Bielefeld muss es nun wirklich nicht sein. Schon gar nicht bei Regen. In ihrer Jackentasche findet sie einen Hosenknopf von ihm, den hat er ihr mal geschenkt. „Das hält alles zusammen, und jetzt schenke ich es dir, damit du alles zusammenhältst. Pass gut darauf auf.“ In der Woche darauf hatten sie ihre Wohnung renoviert und weiße Herzen auf die weiße Wand gemalt, die konnten nur sie sehen und wussten immer, wo sie sein würden. In Gütersloh steigt sie aus.

Wenn sie mich anschaut, so wie jetzt, auf diesem Photo, das ich schon seit einer halben Stunde anschaue, und ich kann manchmal bis in ihr Herz schauen, auf dessen Grund ich mich so gerne gesehen habe und immer noch sehen würde, aber ich weiß es gerade nicht, dann bin ich stumm wie ein Fischstäbchen, ich, der große Plapperer. Lausche auf sie, erinnere mich an ihren Atem nahe meinem Ohr und ihre Hand auf meinem Rücken, wie sie Buchstaben malt und mich raten lässt, was sie gerade schreibt. Der Gedanke, dass sie gerade eine neue Schreibunterlage benutzt wirkt tonnenschwer. Scheiß drauf, denke ich und schäme mich augenblicklich dafür. Ruf an. Melde dich. Komm zurück.

Sie steht im Regen. Die Männer am Bahnhof glotzen sie an, das ist sie schon gewohnt, aber jetzt tut es weh. Sie muss an das Pflaumenmusherz denken und lächelt für sich, wie schön wäre es, wenn sie jetzt jemand anschauen würde und nicht glotzte. Nein, nicht jemand. Er.
Im Café nahe dem Bahnhof riecht es nach Gulasch, und wenn er jetzt bei ihr wäre würde er ihr zum tausendsten Mal erzählen, was der Unterschied zwischen Gulasch und Pörkolt ist. Das sie das mal vermissen würde.
Er erklärt gerne. Gar nicht mal besserwissend, sondern einfach gerne. Den Unterschied zwischen Bocksbeuteln und Böcksern kann sie sich immer noch nicht merken, aber es ging bisher auch ohne. Was will ich eigentlich in Lissabon, fragt sie sich, wollte ich dort überhaupt hin? Schade, dass mich gerade keiner fragt, was ich denke, ich könnte einen ganzen Roman erzählen. Und er würde ihn lesen.

„Und dann, stundenlang in diesem Zug, träumte ich zum Fenster raus“, das Lied hat er eine Zeitlang andauernd gehört, aber da war sie doch noch bei ihm, oder ahnte er es da schon? „Und wenn die Nacht mir auf den Kopf fällt, oder es regnet oder schneit, wird mir vor Alleinsein schlecht.“
Ade, Gütersloh, hallo ... Hamburg? Sie nimmt den Zug nach Norden. Drei Tage, nimmt sie sich vor, drei Tage werde ich das noch machen, und wenn er mir dann die Tür öffnet, verschüchtert, und das wird er sein, erleichtert und mit scheuem Blick, dann werde ich angekommen sein. Aber erst einmal nach Hamburg.

Donnerstag, Januar 04, 2007

Elfeinhalb Wochen - Teil Drei: So-fa(r) away from you.

„Im Leben jibt es immer zwei Möglichkeiten“, sagt meine Nachbarin, „eine jute, und eine bessere“. Sie steht schon wieder vor den Briefkästen und „macht Ordnung“, so nennt sie das, wenn sie in den Schlitzen angelt und die Briefe ihrer Mitbewohner mustert. Ihre Katze ist immer noch nicht aufgetaucht, sicherlich ist sie ausgewandert. „Oder die Kanacken ham se aufjefressen“. Die Kanacken sind zwei Ägypter, die vor einigen Wochen in den dritten Stock gezogen sind und es sind die einzigen, die jeden freundlich im Treppenhaus grüßen. Post bekommen sie so gut wie nie, das ärgert meine Nachbarin. „Wird Zeit, daß se mal den Tourismus bekämpfen, man is ja nirjends mehr sicher.“

Meine Süße duscht. Auf meinem Balkon steht eine Fee, tropfnass, und klopft an die Scheibe. Sie reibt sich die verschnupfte Nase und leiert ihren Text herunter, klar, für sie ist es auch nur ein Job. „Okay, dann mal los, sagen sie ihren Wunsch, ich werde sehen, was ich tun kann.“ Ich muß nicht lange überlegen. „Seife. Ich wäre gerne ein Stück Seife“. Sie nickt, „kein Thema, geht klar, schönen Tag noch, ich geh aber mal vorne raus, okay?“

Es war eine lange Nacht. Sie hat zwei Stunden erzählt, ich habe geschwiegen, geheult, bin zwei Mal um den Block gelaufen und habe sie anschließend mit in den Mauerpark genommen. Auf der Schaukel, zwischen Hundekot und Glasscherben, haben wir um die Wette geschwungen und ich habe sie gewinnen lassen, das hat ihr gefallen. Verlierer küsst Gewinner, dort, wo er möchte. Das hat mir gefallen. Beim Sternschnuppenzählen gewinnt sie schon wieder, 13:0, ihr gehen bald die Wünsche aus. Ich hätte gerne eine, eine einzige gesehen, für diesen einen Wunsch. Sie wollte mir eine borgen, aber ist das nicht verboten? Bitte, diesen einen Wunsch, nur diesen einen, das muss doch irgendwie möglich sein. Es wird hell, heute wird das nichts mehr.

Irgendwohin war sie gegangen. Die Tram bis zum Alex, die S-Bahn bis Zoo, den Intercity nach Köln, den Flieger nach Wien. Viele Leute hat sie kennen gelernt, Mitreisende, Flugbegleiter, einen Lebenskünstler in Schwechat. „Keiner wollte wissen: was denkst du? Das war angenehm.“ Der Lebenskünstler hat sie bis nach Grinzing begleitet, Hans, Hans aus Europa, „ich bin ein global player.“ Beim Heurigen erklärt er ihr das Leben. „Weg vom physischen, hin zum transzendentalen. Das körperliche strebt nach Erfolg, und Erfolg frisst uns alle auf.“ Ins Bett will er dennoch mit ihr. Ich glaube ihr.

In der Goldegg-Gasse beobachtet sie einen jungen Mann in furchtbaren Karohosen, der mit seiner Kamera Rinnsteine photographiert. Sie muss lächeln, und es gefällt ihm. „Let me save this smile for immortality“. Er klickt sich immer näher an sie heran, sie ziert sich ein wenig, aber er bringt sie zum lachen. Sie lacht gerne. Gregg kommt aus Baltimore. Er mag Europa, Claude Sautet und italienischen Weißwein. Und lachende Frauen.
Im Café Schwarzenberg zeigt er ihr seine Photographien, er sammelt sie in einer Plattenbox, Led Zeppelin. Lauter Rinnsteine. „Look at this, Toronto. And Cape Town. And Caracas.“ Rinnsteine aus aller Welt. Immer gleich, immer anders. Gregg hat wundervolle Zähne. Wenn er lacht muss sie an Lissabon denken, Lissabon im gleißenden Sonnenschein, sie trägt ein geblümtes Kleid und schmeckt die Seeluft bei jedem Atemzug. Fast ist sie enttäuscht, dass seine Lippen süßlich schmecken. Seine Finger sind kalt und ein wenig rau, aber er fragt wenigstens nicht, was sie denkt.

Er will sie mitnehmen, nach Hause, „you must have seen the indian summer“, und sie blickt aus dem Fenster in den Regen. Gregg streckt sich, daß das Sofa ächzt. Er ist ein Sommerjunge, denkt sie, er kann nichts dafür. Lissabon ist meilenweit entfernt, weiter als Berlin, und dieses Sofa ist nun mein irgendwo. So-fa(r) away from you.

Regen in Berlin. Sie blickt nach oben, die Wohnung ist dunkel. Sicherlich besucht er Masha, sitzt dann dort, auf der Parkbank, lässt sich Nassregnen und grübelt, über was er grübeln soll. Wenn er grübelt hat er drei Falten auf der Stirn, sie sollte ihnen Namen geben, denn sie sieht sie ja sehr häufig. Eine ältere Dame fingert in den Briefkästen herum und mustert sie argwöhnisch. Als zwei Nordafrikaner die Treppe herunterkommen verschränkt sie die Arme und blickt ihnen hasserfüllt nach. Die beiden lächeln dennoch.

Die Wohnung ist seltsam ordentlich. Keine Pizzakartons, keine Berge von Weinflaschen, kein übervoller Aschenbecher. Das irritiert sie. Einzig das Bett ist zerwühlt wie eh und je, das beruhigt sie etwas, oder sollte sie gerade das misstrauisch machen? Sie sucht sich einen Zettel und entdeckt ein Bild aus Tampere, sie und er, lachend, vor einem Ballonverkäufer mit riesengroßen Tweety-Ballons. Er wollte ihr unbedingt einen kaufen, sie meinte jedoch, dass doch irgendwann die Luft heraus sei und sie das Geld lieber sparen sollten. Wie gerne hätte sie jetzt diesen Ballon gehabt. Wie gerne hätte sie jetzt...

Den Zettel hängt sie an die Tür, er muss nicht wissen, dass sie in der Wohnung war, er muss nicht wissen, dass sie am liebsten hier geblieben wäre, er muss nicht wissen, dass sie weiche Knie hat und schon wieder auf dem Weg nach irgendwo ist. „Ich melde mich. Bald.“

Mittwoch, Januar 03, 2007

Elfeinhalb Wochen - Teil Zwei: The Return of the Blödmann.

Ich kann nicht schlafen.
Halb Drei. Der Wecker hat‘s bezeugt. Ihr Atem geht ruhig. Ich wünsche mir so sehr, dass das an mir liegt.
Sie hat grünes Licht, auf all meinen Straßen, sie mag dieses Lied, und ich hätte es ihr gerne geschrieben. Zwei Wochen war sie fort, und ich dachte, es wäre zu Ende. Alles. Seit gestern ist sie wieder bei mir, und es war nie anders. Getrunken habe ich, gesoffen, habe mich ertränkt, denn heulen ging einfach nicht, da war einfach nichts mehr, und wenn ich im Morgengrauen nach Hause kroch, in mein zerwühltes Bett, das nicht sie und nicht wir zerwühlt hatten, es war einfach zerwühlt, da war nichts, nichts, was von ihr war und nichts, das an sie erinnerte. Ein ständiger Alptraum, eine Achterbahnfahrt mit erloschenen Lichtern, ein stechender Kopfschmerz in Dutzenden Köpfen, und alle diese Köpfe gemeinsam kramten in schönen Erinnerungen, die aber nicht erscheinen wollten. Ich hatte es verbockt.

„Do you have Lipstick?“ Die Dame im grünen Minirock blickte mich entgeistert an, ich konnte es verstehen, aber wie sollte ich ihr beibringen, dass ich schnellstens ein Herz malen musste? Das davon mein Herzensglück abhing. Das konnte ich noch nicht mal auf Deutsch. „I need something to paint, can you help me?“ Ich flehte. Sie schaute misstrauisch, natürlich, ihr anfängliches Lächeln erstarrte, sie schaute sich hilfesuchend um, ging einen halben schritt zurück und presste ihre Einkaufstasche fester an sich. „Please!“ Ich kramte in meiner Hosentasche und zückte einige Euroscheine, egal, ich brauchte etwas und wollte bezahlen, ein Glücksjunkie auf Liebesturkey, und sollte ich alle Scheine dafür hergeben – sie wollte ein Herz.
„No Lipstick“ bedauerte sie nun, „Nothing to paint“.
Etwas freundlicher und ein bisschen hilflos wühlt sie nun in ihrer Einkaufstasche, Margarine, Pflaumenmus und Wattepads kommen zum Vorschein, sie zuckt mit den Schultern. Pflaumenmus.

Ich drücke ihr sämtliche Scheine in die Hand, „Thanks“ und lasse sie verdutzt zurück, das Glas Pflaumenmus triumphierend als Beute hochhaltend und meine Liebste bestürmend. Es wird ein prachtvolles Herz, auf einem strahlend weißen Kleintransporter, das schönste Herz, das ich jemals gemalt habe, das schönste Herz von Tampere. Sie küsst mich. „Das habe ich mir immer schön gewünscht, und du bist der einzige, der das weiß. Ehrlich.“ Wenn sie ‚Ehrlich“ sagt, dann zieht sie es immer in die Länge, hebt ein bisschen die Stimme und schaut dich mit den großen Augen an, du musst es ihr einfach glauben, da ist nichts falsches dran. Jetzt küsst sie mich erneut, und wenn sie gleich die Hände auf meinen Po legt, weiß ich, dass ich nachher doch noch ihre Hüften sehen werde. Sie küsst so viel besser als ich, was findet sie bloß an mir? Ihr Hals riecht nach Pflaumenmus, stimmt, das war ja ich, sie küsst und küsst, und da kommt auch schon die erste Hand. Hallo Hüfte, wir sehen uns bald.

Vier Tage schwärmt sie noch vom Pflaumenmusherz, erzählt mir, dass sie mich besonders gerne im Schlaf küsst, und dass ich nichts, absolut nichts davon mitbekomme. „Irgendwann“, sagt sie, und grinst dabei, „ wirst du mit einem Petersiliensträußchen im Mund aufwachen, mit dem Bauch voller Schuhcreme und Remoulade im Ohr, und ich, ich werde ganz ahnungslos tun.“ Ich werde nie mehr einschlafen, denke ich, aber wenn sie mir dann vorliest, mit ihrer wunderschönen Stimme, mit ihrer wunderschönen Stimme, dann gibt es nichts schöneres, als den Kopf an sie zu lehnen und ihre Stimme zu spüren, die mich in den Schlaf vibriert und wenn sie dann pausiert schlaftrunken zu flüstern „Entschuldigung“ und „lies weiter“.

Und dann.
Heimreise. Alltag. Ein flüchtiger Kuss.
„Was ist mit dir?“ frage ich, „manchmal weiß ich wirklich nicht, was du denkst“ Sie hält inne. Ein komisches Stechen habe ich im Herzen, so, wie sie mich da anschaut, das kenne ich gar nicht an ihr.
„Das wäre ja auch langweilig“, das klingt verklärt, und das soll es wohl auch. Nein, ein Frauenversteher bin ich nicht, das muss ich ihr nicht erst sagen, aber ich liebe Erklärungen. Sie nun mal nicht. Eben noch ein flüchtiger Kuss, jetzt ein flüchtiges, zorniges Blitzen. Und jetzt, gar nicht flüchtig, ein ellenlanges Schweigen. Sie geht durchs Zimmer, ein wenig wie Rilkes Panther, ruhelos, ich schweige zurück, „Ich muss los“, sagt sie, und ich weiß nicht, wohin eigentlich. Wollte ich da nicht auch hin? Drei Tage ist sie irgendwo, dann ein Zettel an der Tür.
‚Ich melde mich. Bald.‘

„The great gig in the sky“ tauscht mit „Waltzing Mathilda“.

Das Telefon, mitten in der Nacht, mittags. „Blödmann hier“, sagt sie, „mir fehlt dein kümmerliches Pflaumenmusherz.“ Ich kämme mich sogar für sie.
Sie tritt nicht auf, sie kommt herein, und ich weiß sofort, warum ich sie liebe.

Halb Drei. Der Wecker hat‘s bezeugt. Ich kann nicht schlafen. Ihr Atem geht ruhig, und ich wünsche mir so sehr, dass das an mir liegt. Ich rauche heimlich auf dem Balkon, die Nachbarin sucht ihre Katze, aber die Katze nicht sie. Ich kann die Katze verstehen und stelle mich dumm.
Zurück im Zimmer. Ihre Hände sind unruhig, vielleicht sucht sie mich, oder stößt sie mich im Schlaf davon? Ob sie in den zwei Wochen – nein. Ich rede etwas, irgendwas, mit ruhiger Stimme, leise, die Hände entspannen und ihr Atem wird ruhiger. Der Mond bescheint’s.

Sie öffnet die Augen.
Grüne
graue
braune
Augen.
Macht das mal nach!

„Die zwei Wochen“, und sie klingt ganz klar, „hast du mich vermisst?“ Die Erde ist eine Scheibe, meine Süße, Marmeladenbrote fallen nach oben und Siegfried und Roy würden lieber mit einem Flohzirkus auftreten, soviel ist klar.
„Möchtest du wissen, was mir passiert ist?“ Das fragt sie, und ich, ja ich, ich könnte sie zum ersten Mal im Leben dafür erwürgen. Aber nein: „Erzähl“