Ich kann nicht schlafen.
Halb Drei. Der Wecker hat‘s bezeugt. Ihr Atem geht ruhig. Ich wünsche mir so sehr, dass das an mir liegt.
Sie hat grünes Licht, auf all meinen Straßen, sie mag dieses Lied, und ich hätte es ihr gerne geschrieben. Zwei Wochen war sie fort, und ich dachte, es wäre zu Ende. Alles. Seit gestern ist sie wieder bei mir, und es war nie anders. Getrunken habe ich, gesoffen, habe mich ertränkt, denn heulen ging einfach nicht, da war einfach nichts mehr, und wenn ich im Morgengrauen nach Hause kroch, in mein zerwühltes Bett, das nicht sie und nicht wir zerwühlt hatten, es war einfach zerwühlt, da war nichts, nichts, was von ihr war und nichts, das an sie erinnerte. Ein ständiger Alptraum, eine Achterbahnfahrt mit erloschenen Lichtern, ein stechender Kopfschmerz in Dutzenden Köpfen, und alle diese Köpfe gemeinsam kramten in schönen Erinnerungen, die aber nicht erscheinen wollten. Ich hatte es verbockt.
„Do you have Lipstick?“ Die Dame im grünen Minirock blickte mich entgeistert an, ich konnte es verstehen, aber wie sollte ich ihr beibringen, dass ich schnellstens ein Herz malen musste? Das davon mein Herzensglück abhing. Das konnte ich noch nicht mal auf Deutsch. „I need something to paint, can you help me?“ Ich flehte. Sie schaute misstrauisch, natürlich, ihr anfängliches Lächeln erstarrte, sie schaute sich hilfesuchend um, ging einen halben schritt zurück und presste ihre Einkaufstasche fester an sich. „Please!“ Ich kramte in meiner Hosentasche und zückte einige Euroscheine, egal, ich brauchte etwas und wollte bezahlen, ein Glücksjunkie auf Liebesturkey, und sollte ich alle Scheine dafür hergeben – sie wollte ein Herz.
„No Lipstick“ bedauerte sie nun, „Nothing to paint“.
Etwas freundlicher und ein bisschen hilflos wühlt sie nun in ihrer Einkaufstasche, Margarine, Pflaumenmus und Wattepads kommen zum Vorschein, sie zuckt mit den Schultern. Pflaumenmus.
Ich drücke ihr sämtliche Scheine in die Hand, „Thanks“ und lasse sie verdutzt zurück, das Glas Pflaumenmus triumphierend als Beute hochhaltend und meine Liebste bestürmend. Es wird ein prachtvolles Herz, auf einem strahlend weißen Kleintransporter, das schönste Herz, das ich jemals gemalt habe, das schönste Herz von Tampere. Sie küsst mich. „Das habe ich mir immer schön gewünscht, und du bist der einzige, der das weiß. Ehrlich.“ Wenn sie ‚Ehrlich“ sagt, dann zieht sie es immer in die Länge, hebt ein bisschen die Stimme und schaut dich mit den großen Augen an, du musst es ihr einfach glauben, da ist nichts falsches dran. Jetzt küsst sie mich erneut, und wenn sie gleich die Hände auf meinen Po legt, weiß ich, dass ich nachher doch noch ihre Hüften sehen werde. Sie küsst so viel besser als ich, was findet sie bloß an mir? Ihr Hals riecht nach Pflaumenmus, stimmt, das war ja ich, sie küsst und küsst, und da kommt auch schon die erste Hand. Hallo Hüfte, wir sehen uns bald.
Vier Tage schwärmt sie noch vom Pflaumenmusherz, erzählt mir, dass sie mich besonders gerne im Schlaf küsst, und dass ich nichts, absolut nichts davon mitbekomme. „Irgendwann“, sagt sie, und grinst dabei, „ wirst du mit einem Petersiliensträußchen im Mund aufwachen, mit dem Bauch voller Schuhcreme und Remoulade im Ohr, und ich, ich werde ganz ahnungslos tun.“ Ich werde nie mehr einschlafen, denke ich, aber wenn sie mir dann vorliest, mit ihrer wunderschönen Stimme, mit ihrer wunderschönen Stimme, dann gibt es nichts schöneres, als den Kopf an sie zu lehnen und ihre Stimme zu spüren, die mich in den Schlaf vibriert und wenn sie dann pausiert schlaftrunken zu flüstern „Entschuldigung“ und „lies weiter“.
Und dann.
Heimreise. Alltag. Ein flüchtiger Kuss.
„Was ist mit dir?“ frage ich, „manchmal weiß ich wirklich nicht, was du denkst“ Sie hält inne. Ein komisches Stechen habe ich im Herzen, so, wie sie mich da anschaut, das kenne ich gar nicht an ihr.
„Das wäre ja auch langweilig“, das klingt verklärt, und das soll es wohl auch. Nein, ein Frauenversteher bin ich nicht, das muss ich ihr nicht erst sagen, aber ich liebe Erklärungen. Sie nun mal nicht. Eben noch ein flüchtiger Kuss, jetzt ein flüchtiges, zorniges Blitzen. Und jetzt, gar nicht flüchtig, ein ellenlanges Schweigen. Sie geht durchs Zimmer, ein wenig wie Rilkes Panther, ruhelos, ich schweige zurück, „Ich muss los“, sagt sie, und ich weiß nicht, wohin eigentlich. Wollte ich da nicht auch hin? Drei Tage ist sie irgendwo, dann ein Zettel an der Tür.
‚Ich melde mich. Bald.‘
„The great gig in the sky“ tauscht mit „Waltzing Mathilda“.
Das Telefon, mitten in der Nacht, mittags. „Blödmann hier“, sagt sie, „mir fehlt dein kümmerliches Pflaumenmusherz.“ Ich kämme mich sogar für sie.
Sie tritt nicht auf, sie kommt herein, und ich weiß sofort, warum ich sie liebe.
Halb Drei. Der Wecker hat‘s bezeugt. Ich kann nicht schlafen. Ihr Atem geht ruhig, und ich wünsche mir so sehr, dass das an mir liegt. Ich rauche heimlich auf dem Balkon, die Nachbarin sucht ihre Katze, aber die Katze nicht sie. Ich kann die Katze verstehen und stelle mich dumm.
Zurück im Zimmer. Ihre Hände sind unruhig, vielleicht sucht sie mich, oder stößt sie mich im Schlaf davon? Ob sie in den zwei Wochen – nein. Ich rede etwas, irgendwas, mit ruhiger Stimme, leise, die Hände entspannen und ihr Atem wird ruhiger. Der Mond bescheint’s.
Sie öffnet die Augen.
Grüne
graue
braune
Augen.
Macht das mal nach!
„Die zwei Wochen“, und sie klingt ganz klar, „hast du mich vermisst?“ Die Erde ist eine Scheibe, meine Süße, Marmeladenbrote fallen nach oben und Siegfried und Roy würden lieber mit einem Flohzirkus auftreten, soviel ist klar.
„Möchtest du wissen, was mir passiert ist?“ Das fragt sie, und ich, ja ich, ich könnte sie zum ersten Mal im Leben dafür erwürgen. Aber nein: „Erzähl“